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"GIOIELLERIA" Kurator: Christian Kathriner, 09.06.2012 - 14.07.2012
LUKAS HIRSCHI/GREGORY KLASSEN
Opening
Freitag, 8. Juni, 18-20 Uhr
Opening hours
Mi-Fr: 13.00-18.30 Uhr
Sa: 11.00-16.00 Uhr
und nach Vereinbarung
Der Titel der Ausstellung "Gioielleria", italienisch für Juwellerie, birgt in seinem Wortstamm einen doppelten Sinn: "Gioia" meint "Juwel", aber auch "Freude". Dieses doppelsinnige Motto scheint mir als eine erste Annäherung an das Werk zweier faszinierender junger Maler besonders vielversprechend: Lukas Hirschi (*1969 in Luzern, lebt in Kleinwangen bei Luzern) und Gregory Klassen (*1965 in Big Spring, Texas, lebt in Milwaukee, Wisconsin) sind zwei genuine Maler, welche zum ersten Mal in Zürich ausstellen, und die bei allen Unterschieden des Naturells, des Temperaments und der grundsätzlichen Ausrichtung ihrer Interessensfelder einige verbindende Besonderheiten aufweisen. Beide Maler blicken in ihrem noch jungen Werk auf einen jahrelangen und reichen Erfahrungsschatz malerischer Praxis zurück und das Werk beider ist als lebenslanges freies malerisches Experimentierfeld angelegt, welches -trotz beeindruckender Konsequenz und unübersehbaren Konstanten- ohne jegliche formale oder ideologische Vorbehalte oder Denkverbote auszukommen vermag. Entsprechend ist es jenseits aller medientheoretischen Debatten und habituellen Moden angesiedelt, und folglich noch entsprechend zu entdecken.
Seit Jahren entsteht das Werk von Lukas Hirschi als schier unaufhörlicher Fluss von meistens sehr kleinformatigen Bildern. Es scheint manchmal, als gewinne das Mahlen bei diesem Prozess Oberhand über das Malen! Denn im Strom dieser Tätigkeit wird das meiste Geschaffene wieder zerrieben und verkleinert, um wiederum verklebt und eingesumpft den Farbteig im Zukünftigen zu bilden. Dies alles, weil dem Maler sehr selten etwas genügt. Aber dieses grüblerische Verwerfen ist nicht Scheitern, sondern Noblesse, das Suchen und Tasten ist einem tiefen Zweifel am allzu voreiligen Bild geschuldet. Der ausgesprochen melancholische Zug dieser Malereien ist somit das Echo ihrer Prozesse. Der Maler weiss: Das mitunter mühselige Zerstampfen und Zertrümmern etwa von mineralischen Brocken zum feingemahlenen und kostbaren Pigment ist die Voraussetzung aller Malerei.
Sind in der Meisterklasse bei Gerhard Richter noch Ölmalereien von Gregory Klassen entstanden, deren Farbkörper aus dick aufgetürmten und schrundig aufgetragenen Farbschichten bestanden, wenden sich seine jüngeren Gemälde in ihr extremes Gegenteil. Das Stören und Rühren, das Giessen, Tropfen und Plätschern, bildet nun das Vokabular zu diesen Malereien. Das Betrachten manch zartester Farbschleier und Flecken in ihrem absichtslosen Erscheinen und fast schon schmerzendem Non-finito lassen uns im Unklaren, ob unser Blick nun in eine imaginäre Milchstrasse sticht, oder sich in einer Öllache im städtischen Abflusskanal verliert, und viceversa. Die Pigmente sind Ablagerungen verdunsteter Farbsäfte, sie werden zu Kartografien, deren Massstab nicht mehr erfasst werden kann, sedimentierte Farblachen erscheinen als Riesenmeere und winzige Bläschen erinnern nunmehr an Mondkrater. Diese Bilder knüpfen an der uralten malerischen Tradition des Diaphanen an und vermögen dem alten Topos des figurativen Fleckens (Leonardo) und dem damit angesprochenen Verhältnis von Natur und Kunst und Zufall neue, zeitgenössische Aspekte abzuringen.
Diese Annäherung mag deutlich machen , es hiesse die eingängige Metapher von "Juwel" und "Freude" und damit das Werk der beiden Künstler gründlich missverstehen, wenn damit ästhetische Konvention und entsprechend unkompliziertes Wohlgefallen assoziiert würden. Im Gegenteil, diese Pracht will erst entdeckt und erarbeitet werden. So offenbart sich hier mehr Rätsel und Undurchdringlichkeit als anfänglich vermutet, im Prisma des Diamanten bricht sich so manche Gewohnheit zu unerwarteter Komplexität. Die noch immer allzu beliebte Auseinanderscheidung von sogenannter Figuration und Abstraktion etwa, muss vor dem malerischen Facettenreichtum dieser Edelsteine vollends fragwürdig werden. Die Widerborstigkeit und frivole Abgründigkeit gewisser Tafeln sind denkbar weit entfernt vom heutigen pseudo-glamourösen Rauschen auf allen Kanälen. Welche entlegenen Gefielde den Maler zu Bild, Pracht und Schönheit provozieren, bleibt bekanntlich seit jeher ihm selbst überlassen.
Christian Kathriner

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